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Nöth = Winfried Nöth, Handbuch der Semiotik, Metzler, 2000 (2. neu bearbeitete und erweiterte Auflage).

 

INTERKULTURELLE KOMMUNIKATION

 

"Unsere Welt ist kleiner geworden. Wir leben nach dem berühmten Ausspruch von Marshal McLuhan in einem 'global village'. Dies nicht allein, weil uns durch die Medien Informationen von fast überall in der Welt zugänglich sind. Dank immer durchlässigerer Grenzen und durch die modernen Verkehrsmittel können wir auch selbst an Ereignissen in anderen Ländern teilnehmen und uns mit den dort wohnenden Menschen verständigen, wie ja auch bei uns Ausländer - Reisende und Immigranten - leben, von denen und über die wir etwas lernen können, wie sie von uns und über uns. Die augenfällige Internationalisierung unseres Lebens hat allerdings bestimmte Kommunikationsprobleme in den Vordergrund treten lassen, die sich nicht auf solche elementaren Sprachkenntnisse reduzieren lassen.

[...]

'Interkulturelle Kommunikation' ist demnach die interpersonale Interaktion zwischen Angehörigen verschiedener Gruppen, die sich mit Blick auf die ihren Mitgliedern jeweils gemeinsamen Wissensbestände und sprachlichen Formen symbolischen Handelns unterscheiden. Solche Unterschiede bestehen schon zwischen Gruppen innerhalb einer durch Nation oder Staat definierten Gesellschaft. Insofern unterscheidet sich interkulturelle Kommunikation nicht prinzipiell von intrakultureller Kommunikation. Ein wesentliches Karakteristikum von IKK ist jedoch damit gegeben, dass sich einer der an ihr beteiligten Kommunikationspartner typischerweise einer zweiten oder fremden Sprache bedienen muss, die nicht eine Varietät seiner eigenen ist."

(Karlfried Knapp und Annelie Knapp-Potthoff, "Interkulturelle Kommunikation", in Zeitschrift für Fremdsprachenforschung, 1. 1990, S 62 und 66)

 

 

 

Kultur

 

Edward B. Tylor in Primitive Culture (1871) definiert Kultur als „jenes komplexe Ganze, das Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Gesetz, Sitte und jegliche andere Fähigkeiten und Gewohnheiten einschließt, die vom Menschen als Mitglied der Gesellschaft erworben werden“ (zit. nach Nöth, S. 513).

Zur Vertiefung:

 

Klaus P. Hansen, Kultur und Kulturwissenschaft, Francke, Tübingen und Basel, 1995, 11-18.

 

Roland Posner, "Kultur als Zeichensystem. Zur semiotischen Explikation kulturwissenschaftlicher Begriffe", in: Aleida Assmann / Dietrich Harth (Hrsg.), Kultur als Lebenswelt und Monument, Frankfurt am Main, S. 37-74.

 

Edward Sapir, Culture, language and personality, Univ. of California Press, 1970.

 

 

 

 

Klaus P. Hansen, Kultur und Kulturwissenschaft. Eine Einführung, Francke, Tübingen und Basel 2000, S. 15:

 

"Kultur meint die Veränderung der Natur durch menschliche Tätigkeit, was dazu führt, daß die natürliche Ordnung durch eine vom Menschen geschaffene ersetzt wird. Gleichzeitig berücksichtigt diese Bedeutung, daß diese Ersatzordnung bei verschiedenen Völkern verschieden ausfällt. Zunächst ohne jede Wertung sprechen wir deshalb von fremder und eigener Kultur."  Synagoge – Kirche – Moschee

 

 

 

Philip, K. Bock (Hrsg.), Culture shock. A reader in modern cultural anthropology, New York 1970; zitiert von Ina‑Mara Greverus, Kultur und Alltagswelt. Beck, München 1979, S. 11:

„Kultur in ihrem weitesten Sinn ist das, was dich zum Fremden macht, wenn du von daheim fort bist. Sie umfasst alle jene Überzeugungen und Erwartungen, wie Menschen zu sprechen und sich zu verhalten haben. Diese sind als Resultat sozialen Lernens eine Art zweite Natur für dich geworden. Wenn du mit Mitgliedern einer Gruppe zusammen bist, die deine Kultur teilen, musst du nicht darüber nachdenken, denn ihr alle seht die Welt in gleicher Weise und ihr alle wisst, im großen und ganzen, was ihr voneinander zu erwarten habt. Jedoch, einer fremden Gesellschaft direkt ausgesetzt zu sein, verursacht im Allgemeinen ein störendes Gefühl der Desorientierung und Hilflosigkeit, das ‚Kulturschock’ genannt wird.“

 

 

Kommunikation

 

Hadumod Bußmann, Lexikon der Sprachwissenschaft, Kröner, Stuttgart 1990, S. 392:

"Kommunikation [lat. communicatio Mitteilung']. Im weiteren Sinne: jede Form von wechselseitiger Übermittlung von Information durch Zeichen/Symbole zwischen Lebewesen (Menschen, Tieren) oder zwischen Menschen und datenverarbeitenden Maschinen. Im engeren (sprachwiss.) Sinn: zwischenmenschliche Verständigung mittels sprachlicherund nichtsprachlicher Mittel wie Gestik, Mimik, Stimme u.a."

 

H. Bußmann, ivi, S. 393:

"Grundkomponenten des Kommunikationsmodells, die je nach Erkenntnisinteresse differenziert werden, sind (a) Sender und Empfänger (Sprecher/Hörer), (b) Kanal bzw. Medium der Informationsübermittlung (akustisch, optisch, taktil), (c) Kode (Zeichenvorrat und Verknüpfungsregeln), (d) Nachricht, (e) Störung (Rauschen), (f) pragmatische Bedeutung, (g) Rückkoppelung."

 

 

Das Modell von Roman Jakobson

(Roman Jakobson, Linguistics and Poetics, 1960)

 

 

 

 

 

Der Sender sendet eine Botschaft an einen Empfänger; die Botschaft bezieht sich auf einen Kontext (auf einen Referenten in der oben betrachteten Terminologie); Sender und Empfänger müssen den Code zumindest teilweise kennen, damit die Botschaft vom Sender kodiert und vom Empfänger dekodiert werden kann; schließlich bedarf es eines Kontakts, eines physischen Kanals oder einer psychologischen Verbindung zwischen dem Sender und dem Empfänger, so dass beiden ermöglicht wird, in Verbindung zu treten und zu bleiben.

Je nachdem welcher dieser Faktoren in einer bestimmten Botschaft hervorgehoben wird, zeichnet sich eine Funktion ab: die emotive Funktion (entspricht der Ausdrucksfunktion von Bühler), wenn die Botschaft auf den Sender zeigt; die konative Funktion (entspricht der Appellfunktion von Bühler), wenn die Botschaft auf den Empfänger zeigt; die referenielle Funktion (entspricht der Darstellungsfunktion von Bühler) wenn die Botschaft auf den Kontext zeigt;  die phatische Funktion, wenn die Botschaft auf den Kontakt zeigt (typisches Beispiel: am Telefon: „Hallo, hören Sie mich?“); die metasprachliche Funktion, wenn die Botschaft auf den Code zeigt; die poetische Funktion, wenn die Botschaft auf sich selbst zeigt, d.h. wenn sie die Aufmerksamkeit des Empfängers auf die Art und Weise, wie sie konstruiert wurde, lenkt.

 

Kode

 

H. Bußmann, Lexikon der Sprachwissenschaft, S. 386‑387:

"Kode [lat. codex "Schreibtafel", "Verzeichnis". ‑ Auch Code]. (1) In der Informationstheorie Vorschrift für die Zuordnung von Zeichen(folgen) zweier verschiedener Zeichenrepertoires, die die gleiche Information darstellen können; vgl. z.B. den sogen Binärkode, der auf den zwei Werten 0 und 1 bzw. Ja/Nein beruht [...]. So kann man den Zahlen 1,2,3,4 die Kombinationen 00, 01, 10, 11 zuordnen, so daß die beiden Zeicheninventare semantisch äquivalent sind. Ein ähnliches Prinzip liegt dem Morsealphabet zugrunde. [...] (2) In der Sprachwiss. wird K. im Sinne von (1) auf sprachliche Zeichen und ihre syntaktischen Verknüpfungsregeln angewendet. Bei Martinet (Eléments de linguistique générale. Paris 1960; Dt. Grundlage der allgemeinen Sprachwissenschaft. Stuttgart 1963) wird der Terminus K. für langue = Sprachsystem im Unterschied zu "Nachricht" für parole (= Sprachverwendung) gebraucht."

 

 

Zum Code-Begriff

 

 

 

Abduktion

 

 

Kontext ‑ Kotext

 

Hadumod Bußmann, Lexikon der Sprachwissenschaft, Kröner, Stuttgart 1990, S.416:

"Kontext [lat. con‑textus 'Zusammenhang']. Als umfassender Begriff der Kommunikationstheorie bezeichnet K. alle Elemente einer Kommunikationssituation, die systematisch das Verständnis einer Äußerung bestimmen: den verbalen und nonverbalen (z.B. mimischen) K., den aktuellen K. der Sprechsituation und den sozialen K. der Beziehung zwischen Sprecher und Hörer, ihrem Wissen und ihren Einstellungen. Im speziellen Sinn von 'sprachliche Umgebung’ wird neben K. auch der Terminus 'Kotext' [...] verwendet."

Eine Geste, zwei kulturelle Kontexte: Clinton.

 

 

Kommunikation und Signifikation

 

Proxemik

 

 

 

Ferdinand de Saussure:

 

LANGAGE = die allgemeine Sprachbefähigung;

 

LANGUE = das spezifische System,

- das einer spezifischen Sprache in einer spezifischen Phase ihrer Geschichte (Synchronie) zugrunde liegt,

- das allgemein sozial anerkannt ist

- und das unabhängig vom Individuum ist (ein einzelner könnte es nicht modifizieren);

 

PAROLE = die konkreten Äußerungen von Menschen, die die spezifische Sprache sprechen und somit das spezifische, abstrakte System der langue ständig aktualisieren.

 

Der Kerngedanke der Semiologie von Saussure und später des Strukturalismus  lautet:

 

Jedes Phänomen kann nur dann als Zeichen verstanden werden, wenn man es innerhalb des Systems (innerhalb der langue) betrachtet, das ihm zugrunde liegt.

 

 

Semiosphäre

 

 

Zeichen und Kultur

 

 

 

 

 

Es lässt sich sagen, dass eine semiotisch geprägte interkulturelle Kommunikation u.a. folgendes voraussetzt:

 

Die interkulturelle Situation konkretisiert sich in einer interkulturellen Kommunikation, in einer Reihe unterschiedlicher kommunikativen Handlungen. Es geht um Handlungen, die in der Regel für unterschiedliche Standardisierungen, d.h. für unterschiedliche Finale Interpretanten stehen, welche wiederum auf unterschiedliche Arten verweisen, der Realität (der Welt) eine Form zu geben, also auf unterschiedliche Dynamische Interpretanten beruhen. Die fremde Handlung, das fremde Zeichen verlangt ein inferentielles Verfahren: Es müssen Hypothesen über das System von Regeln aufgestellt werden, innerhalb dessen das fremde Zeichen – eben als Fall einer Regel - seine Bedeutung und seine Würde erlangt.

Die fortdauernde dialogische Auseinandersetzung zwischen unseren Finalen Interpretanten und den fremden Finalen Interpretanten kann kein Ende haben. Das ist vielleicht die beste Bestätigung der Unendlichkeit der Semiose, von der Peirce immer wieder gesprochen hat. Merkmal und Ziel dieser Auseinandersetzung ist (oder sollte sein) die Erkenntnis (es handelt sich um einen Erkenntnisdialog), und zwar von der fremden Kultur, doch auch von unserer eigenen Kultur. Die fremde Kultur kann uns dabei helfen, unsere eigene Kultur besser zu verstehen und eventuell einige Charakteristika unserer Kultur zu verändern; dieselbe Wirkung kann auch unsere Kultur auf die fremde Kultur ausüben. Dadurch wird die Realität überhaupt immer zutreffender wahrgenommen, erkannt und verändert.

 

„Ein Zeichen ist etwas, durch dessen Kenntnis wir mehr erfahren“ (CP: 8.332): gerade darin besteht die Grundlage der Semiotik, und deswegen:

 

Die Konstitution eines Zeichens lässt sich zusammenfassend beschreiben als abduktiv vermittelter Schlussprozess auf noch nicht Bekanntes, wobei die Funktion des Zeichens im kontinuierlichen Interpretationsprozess darin besteht, die Erweiterung des Horizonts der gemeinsamen Wahrnehmung interagierender Individuen zu gewährleisten. (Achim Eschbach, „Semiotik“. In: Lexikon der Germanistischen Linguistik. Herausgegeben von Hans Peter Althaus, Helmut Henne, Herbert Ernst Wiegand, Niemeyer, Tübingen 1980, S 41-57)

 

 

Die Funktion des Zeichens nach dieser sehr zutreffenden Definition entspricht ganz genau der Funktion und den Zielen des Faches Interkulturelle Kommunikation.

 

 

Beispiel